Eine Vorkämpferin der venezuelanischen Revolution

Nora Castaneda spricht über den Kampf, einfachen Leuten zu helfen, Jahre der Vernachlässigung zu überwinden.

Nora Castaneda sollte eigentlich von ihrer anstrengenden Vortragsreise durch Europa und Großbritannien ermüdet sein, aber sie schäumt über mit Energie wie ein Kraftwerk auf Hochbetrieb und strahlt sowohl Funken als auch Witz aus.

Sie und ihre Kollegin Angelika Alvarez wurden nach Großbritannien vom Internationalen Frauenstreik aus Anlaß der internationalen Woche der Frau eingeladen und wirkten inspirierend auf die ZuhörerInnen in vollen Sälen in allen Landesteilen.

Castaneda ist die Präsidentin von Banmujer, der Frauenentwicklungsbank, eine einzigartige Initiative der Chavezregierung in Zusammenarbeit mit den Leuten in den Elendsvierteln und auf dem Land.

Banmujers Hauptaufgabe ist es, Mikrokredite an Gruppen von Frauen zu vergeben, um ihnen zu ermöglichen, Kooperativen zu gründen und Kleinunternehmen zu ihrem Vorteil und dem ihrer Gemeinden aufzubauen. Niedrige Tilgungsraten werden von der Regierung subventioniert.

Castaneda stellt die rhetorische Frage “Wie kann meine Regierung sich das leisten?” und antwortet: “weil wir Öl haben”!

Venezuela hat die größten Reserven auf der Welt an Öl, Erdgas und Bitumen zusammengenommen. Aber die Einnahmen von diesem Reichtum gehen jetzt an das gesamte Volk, und nicht nur an eine kleine Elite wie vorher.

“In den meisten Ländern  hilft  Entwicklungshilfe Frauen nur dabei, Armut zu verwalten,” sagt sie, “während unser Programm zum Ziel hat, Frauen zu helfen, aus der Armut herauszukommen.”

Präsident Chavez hat gesagt,  “um die Armut loszuwerden, müssen wir den Armen  Macht geben” und Banmujer ist Teil dieser Verpflichtung.

Castaneda sagt: “Wir glauben, daß die Wirtschaft im Dienst der Menschen stehen muß und nicht die Menschen im Dienst der Wirtschaft. Und da 70 Prozent der in Armut Lebenden Frauen sind, muß wirtschaftliche Veränderung bei den Frauen anfangen.”

Sie weiß dies aus eigener Erfahrung, als die Tochter einer alleinerziehenden Mutter afrikanisch-indigener Herkunft mit geringem Einkommen, die es trotzdem schaffte, ihre Tochter zur Schule und zur Universität zu schicken, wo sie Wirtschaftswissenschaften studierte.

“Aber”, kommentiert sie glucksend, “ich studierte die Chicagoer Schule der Ökonomie und ich mußte diesen Virus aus meinem Gehirn rauskriegen.”

Besonders beeindruckend ist der Sprachgebrauch von Castaneda, der den Aufbau eines neuen Bewußtseins widerspiegelt.

“Wir haben keine Chefs oder Vorgesetzten,” sagt sie, nur “responsables”, VerantwortungsträgerInnen.

Sie verachtet den Ausdruck  wirtschaftlich unproduktiv, der oft im Zusammenhang mit Frauen gebraucht wird.

“Was soll das heißen?” fragt sie ärgerlich. “Er impliziert, daß Frauen, die die gesamte Hausarbeit leisten, die Kinder erziehen, das Essen kochen und oft ein kleines Stück Land bearbeiten und dessen Produkte verkaufen, nicht produktiv sind. Natürlich sind sie das, aber es ist  unbeachtete und unbezahlte Arbeit.”

“Mikrokredite sind ein Mittel, Frauen Macht zu geben,” führt sie aus. “Wir wollen eine Wirtschaft schaffen, die auf Kooperation und gegenseitiger Unterstützung basiert, eine fürsorgende Wirtschaft. Wir bauen nicht eine Bank auf, sondern eine andere Lebensweise.”

Diese fortschrittliche Initiative könnte zu einem Meilenstein des Kampfes, die Armut überall auf der Welt zu überwinden, werden. Sie sollte nachgeahmt und auf internationaler Ebene und von der Weltbank übernommen werden - Notiz an Gordon Brown.

Seit 2001 hat Banmujer 51000 Mikrokredite vergeben, 96 Prozent davon an Frauen und 4 Prozent an Männer.

Der venezuelanische Staat glaubt, daß soziale Nachhaltigkeit Vorrang vor rein wirtschaftlichen Entscheidungen haben sollte. Aus dieser Sicht heraus hat Banmujer mehr als 70000 Leuten geholfen, Genossenschaften  aufzubauen, und damit über 144000 Arbeitsplätze geschaffen.

Sie haben über 60000 Leute in Geschäftsgrundlagen geschult. Sie ermutigen diese Kleinunternehmen kooperativ zusammenzuarbeiten und nicht gegeneinader zu konkurrieren – zweifelos ein Gräuel für neoliberale WirtschaftswissenschaftlerInnen, aber es funktioniert.

Banmujer wurde von InteressenvertreterInnen anderer Banken angegriffen, weil sie nicht profitabel ist sondern mit einem Defizit operiert. Aber Castaneda sagt, daß diese Argumentation nicht triftig sei und daß über 90 Prozent der Darlehnen zurückgezahlt werden, während in der Vergangenheit Millionen Dollar Kredite vom Staat an Großunternehmen ungetilgt blieben.

“Banmujer bezieht die Mehrheit in ihre Arbeit ein, während die neoliberale Politik die Mehrheit ausschließt, “ betont sie.

Sie betont auch, daß der Veränderungsprozeß den Venezuela durchmacht, nicht auf einer bestimmten Bewegung oder Parteiprogramm basiert, sondern auf der gesamten Geschichte des Kampfes und auf einem breiten Spektrum an Bewegungen, Parteien und Organisationen.

Dies spiegelt wider was der Autor Richard Gott sagt – daß die bolivarische Revolution nicht wie der Sturm des Winterpalasts ist oder wie die Einnahme Havannas, als Guerillas von den Bergen herunterkamen, sondern ein langsamer, schrittweiser Reformprozeß.

Castaneda gibt uns einige Beispiele für das, was bis jetzt erreicht worden ist. Zum Beipspiel die Robinson Alphabetisierungskampagne die in anderthalb Jahren über 1,3 Millionen BürgerInnen, 60 Prozent davon Frauen, lesen und schreiben beigebracht hat.

Sie war so erfolgreich, daß Venezuela die UNO gebeten hat, es der Liste der Länder hinzuzufügen, die das Analphabetentum  überwunden haben.

Es richtete auch ein Programm ein, Leute anzuregen, weiterführende Schulen zu besuchen und danach Berufsschulen oder Hochschulen - alles gebührenfrei.

Castaneda und Alvarez zeigten uns ihre kleinen blauen Bücher – die neue venezuelanische Verfassung. Jede Bürgerin und jeder Bürger trägt ein Exemplar mit sich herum und kann daraus zitieren. Sie ist ihr Eigentum und sie sind stolz darauf.

“Diese Verfassung”, betont Castaneda “ist die Revolution. Sie wurde nicht von einer Gruppe von Juristen oder Akademikern geschrieben sondern ist das Ergebnis einer jahrelangen Geschichte und von weit verbreiteten  Konsultationen und Diskussionen unter der Bevölkerung. Sie hat die Verfassung als die Ihre angenommen.”

“Wir Frauen haben die Aufnahme  unserer Rechte in die Verfassung gewonnen, wir haben Artikel 88 gewonnen, der anerkennt, daß Frauen die zuhause arbeiten,  Mehrwert schaffen und dafür mit Sozialleistungen entlohnt werden müssen.”

Denn was ist wichtiger als sich um die nächste Generation einer Gesellschaft zu kümmern und sie zu erziehen? Dies ist wertvoller als alles andere und sollte dementsprechend bezahlt werden. “Solidarität ist ein Ausdruck der Zärtlichkeit der Menschen” ist ein Slogan der Revolution.

Und ist da das Barrio Dentro (In der Nachbarschaft) Programm, das entscheidend dazu beitrug lokale Polikliniken in den Armenvierteln einzurichten, die Sexualberatung, freie vor- und nachgeburtliche Untersuchungen, Vorsorgeuntersuchungen für Gebärmutterhalskrebs und Sexualerziehung anbieten.

Castaneda betont die immense Wichtigkeit von Gesundheitsvorsorge für die Armen.

“Unsere eigenen Ärzte”, sagt sie,  “betrachteten Gesundheit als eine zu  verkaufende Ware und schlossen damit die Armen aus. Ohne die unglaubliche Selbstaufopferung tausender von kubanischen Ärzten, wenn sie auch bezahlt wurden, die nach Venezuela kamen um in den Armenvierteln und auf dem Land zu arbeiten, hätten wir nie den jetzigen Stand erreichen können.”

Kubanische Ärzte führten auch Tausende von Grauen Star und anderen Operationen in Venzuela durch.

Eine weitere Priorität der Regierung sind Wohnungen und das Ziel ist 320000 Wohneinheiten innerhalb eines Jahres zu errichten.

Vuelven caras ist eine weitere neue Initiative, um eine Volkswirtschaft für alle zu entwickeln, eine fürsorgende Wirtschaft, die auf den Prinzipien der Solidarität und nicht des Wettbewerbs aufbaut.

Sie wurde nach einem berühmten historischen Ereignis während des Unabhängigkeitskrieges von 1810-30 gegen Spanien benannt. Während der letzten entscheidenden Schlacht wurde den Kämpfern gesagt, daß sie dem Feind den

Rücken zuwenden sollten und vortäuschen sollten, daß sie geschlagen wären.

Als die Spanier dachten, daß sie gewonnen hatten, ließ ihre Wachsamkeit nach. Die Venezuelaner drehten dann um (vuelven caras), griffen an  und siegten.

Castneda sagt mit einem schelmischen Grinsen, daß “wir wissen, daß der Imperialismus unglaublich stark ist mit seinen Atomwaffen, Soldaten und seinen Massenmedien, aber wir sind bereit, ihm auf ähnliche Weise entgegenzutreten.”

“Zusammen mit den anderen Ländern der Riogruppe weisen wir den unilateralen  Gebrauch von wirtschaftlichem und politischen Druck auf Entwicklungsländer, um ihnen zu drohen, sie zu zwingen die neoliberale Linie der US Politik einzuhalten, zurück Solche Methoden laufen der UNO Charta über die souveräne Unabhängigkeit von Staaten entgegen und treffen nur die Armen, Frauen und Kinder.”

“Wir streben danach, eine freie Gesellschaft zu errichten, die auf Gerechtigkeit und Würde aufbaut, aber diese Anstrengung wird von den USA, die die Lüge verbreiten, daß wir ein destabilisierender Faktor in der Region sind, angegriffen.”

Venzuela ergriff auch Schritte, um den junge Frauen und Kinderhandel  für Sklavenarbeit und das internationale Prostitutionsgeschäft zu unterbinden. Es unterzeichnete die entsprechendede UNO Charta. Aber die US Presse verleumdet, was Venezuela zu erreichen versucht, und klagt es des genauen Gegenteils an, daß Venzuela nicht genug unternimmt, um diesen Handel zu stoppen und ruft die Weltgemeinschaft dazu auf , Wirtschaftssanktionen gegen Venezuela zu ergreifen.”

“Sie mögen auch unser Mediengesetz nicht,” sagt Castaneda, “ das darauf besteht, daß Fernsehen, Radio und Zeitungen soziale Verantwortung , für das was sie veröffentlichen, übernehmen.”

“Wir wollen nicht den US-amerikanischen Weg beschreiten, wo Kinder die Gewalt, die sie auf dem Bildschirm sehen, nachahmen und auf ihre Nachbarn und Geschwister schießen.”

Bei einer Veranstaltung an der London School of Economics wurde Castaneda gefragt, was Venezuela zu verschiedenen Anliegen wie genmanipulierte Nahrungsmittel, Umweltschutzreformen und internationale Solidarität unternehme.

“Hören Sie,” sagte sie, “wir hatten 500 Jahre der Abhängigkeit und nur 6 Jahre der Unabhängigkeit, wir können nicht alle Ziele auf einmal erreichen. Die 80er und 90er Jahre wurden in ganz Lateinamerika als “die zwei verlorenen Jahrzehnte” beschrieben, in denen  unsere Gesellschaften sich im Rückwärtsgang bewegten und die Armut zunahm und die Leute unglücklicher wurden.”

“Aber wegen der Basissolidarität wurde die Hoffnung nicht verloren. Und wie sich auf dem Weltsozialforum in Porto Alegre zeigte, gibt es jetzt eine erneute Hoffnung auf eine alternative Welt.  Und wir können alle darauf aufbauen.”

“Unsere Verfassung hat diese Anliegen mitaufgenommen, aber sie ist nur ein Entwurf, ein Programm, das mit der Zeit umzusetzen ist. Und wir werden unsere Ziele nur dann erfolgreich umsetzen können, wenn überall auf der Welt diese Anliegen aufgegriffen werden.”

Am Ende der Veranstaltung an der LSE wurden Spendeneimer vom internationalen Frauenstreik herumgereicht, damit die BesucherInnen zur Saalmiete mitbeitragen.

Castaneda zeigte auf die Eimer und sagte voller Ironie: “Sehen Sie, wie meine Regierung die internationale Subversion finanziert.”

Als sie und die ZuhörerInnen in die Sprechchöre “Venezuela si, chavez no se va!” (Venezuela ja, Chavez bleibt) ausbrachen, blieb kein Zweifel, daß Castaneda und Alvarez subversiv sind – sie untergraben Ungerechtigkeit, chronische Armut und internationale Gleichgültigkeit.

Interview: John Green und Michal Boncza

Deutsch

Home